Von wegen faul: So viel arbeiten Beschäftigte in Sachsen
Zusammenfassung
Die Antworten der Bundesregierung auf Anfragen der sächsischen Bundestagsabgeordneten Zada Salihović zeigen deutlich: Viele abhängig Beschäftigte arbeiten in Sachsen weiterhin über das vertragliche Soll hinaus und das häufig sogar unbezahlt: Rund 11,5 Millionen Überstunden wurden im letzten Jahr im Freistaat nicht vergütet. Mehr als jede*r vierte Beschäftigte arbeitet zudem am Wochenende. Bereits heute – ohne die von der Bundesregierung geplante Anhebung der maximalen wöchentlichen Arbeitszeit – haben 44.000 Beschäftigte regelmäßig überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden pro Woche. Zudem arbeitet mehr als jede*r vierte abhängig Beschäftigte regelmäßig am Abend, mehr als jede*r zehnte in der Nacht.
Überstunden
Lohnabhängig beschäftigte Arbeitnehmer*innen haben in Sachsen im vergangenen Jahr etwa 21,4 Millionen Überstunden geleistet. Dieses immense Arbeitsvolumen entspricht rechnerisch mehr als 10.270 Vollzeitstellen (VZÄ).
Mehr als die Hälfte der Überstunden waren unbezahlt (~11,5 Millionen; ~54%).
Das bedeutet, dass allein die unbezahlte Mehrarbeit dem Äquivalent von über 5.500 unbezahlten Vollzeitkräften entspricht.
Durch die unbezahlten Überstunden haben Unternehmen zugleich über 515 Millionen Euro an Lohnkosten eingespart. Dieser Wert ergibt sich, wenn man die Anzahl unbezahlter Überstunden in Sachsen im Jahr 2025 (11,5 Millionen) mit den durchschnittlichen Arbeitskosten je geleisteter Stunde multipliziert. Laut Statistischem Bundesamt waren das 45,00 Euro pro Stunde im Jahr 2025.
Dazu kommt: Da die unbezahlten Stunden im Schnitt mit dem regulären Steuersatz und den Sozialabgaben belastet würden (ca. 40% Abgabenquote auf den Bruttolohn), beläuft sich der jährliche Gesamtschaden für die Staatskasse und die Sozialkassen schätzungsweise auf 206 Millionen Euro.
Überlange Arbeitszeiten
Nach Daten der Arbeitskräfteerhebung für 2025 hatten in Sachsen mindestens 44.000 abhängig Beschäftigte regelmäßig überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden pro Woche.
Arbeitsmedizinisch ist erwiesen, dass überlange Arbeitszeiten mit einer Vielzahl von gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden sind. Erschöpfung und Schlafstörungen treten ebenso vermehrt auf wie stressbedingte Erkrankungen, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten.
Zusätzlich zu den höheren Krankheitsrisiken zeigen arbeitsmedizinische Erkenntnisse auch negative Zusammenhänge zwischen langen werktäglichen Arbeitszeiten und dem Unfallgeschehen am Arbeitsplatz. Das Unfallrisiko steigt ab der achten Arbeitsstunde exponentiell an. Nach einer Arbeitszeit von 12 Stunden ist die Unfallrate bei der Arbeit oder bei der anschließenden Fahrt nach Hause im Vergleich zu 8 Stunden um das Zweifache erhöht.
Das geht aus Studien, etwa des Hugo-Sinzheimer-Instituts, des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen instituts (WSI) oder der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), hervor.
Samstags-, Sonn- und Feiertagsarbeit
Die Zahl der abhängig Beschäftigten, die mindestens gelegentlich am Wochenende arbeiten, beläuft sich in Sachsen auf 494.000. Das sind knapp 28% der Beschäftigten und damit mehr als jede*r Vierte.
Von Sonn- und Feiertagsarbeit waren 309.000 Beschäftigte betroffen (~17%).
Jede*r Sechste arbeitete wiederkehrend am kompletten Wochenende (282.000; ~16%).
Abend- & Nachtarbeit
Knapp 490.000 abhängig Beschäftigte arbeiteten in Sachsen zuletzt regelmäßig am Abend (zwischen 18.00 und 23.00 Uhr) und damit mehr als jede*r Vierte (~28%).
Von regelmäßiger Nachtarbeit (zwischen 23.00 und 06.00 Uhr) waren 200.000 abhängig Beschäftigte betroffen. Das sind anteilig knapp über 11 Prozent.
Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat Nachtarbeit negative Auswirkungen auf den biologischen Rhythmus, den Schlaf und die sozialen Beziehungen von Beschäftigten. Sie erhöht daher das Risiko für chronische Krankheiten, Unfälle und psychische Erkrankungen.
Überstunden: 21,4 Millionen
(= 10.270 Vollzeitstellen)
Unbezahlte Überstunden: 11,5 Millionen
(= 5.500 Vollzeitstellen)
Eingesparte Lohnkosten für Arbeitgeber: 515 Millionen Euro
Gesamtschaden Staats- & Sozialkassen: 206 Millionen Euro
O-Ton Zada Salihović (MdB, Die Linke)
„Während der Bundeskanzler Merz den Menschen Faulheit unterstellt, sprechen die Zahlen eine ganz andere Sprache. Die lohnabhängig Beschäftigten in Sachsen leisten bereits mehr als 21 Millionen Überstunden im Jahr. Dass davon auch noch mehr als die Hälfte unbezahlt sind, ist ein Skandal. Arbeitgeber sparen dadurch Lohnkosten von mehr als einer halben Milliarde Euro, während die Beschäftigten unter ausgedehnten Arbeitszeiten leiden. Statt die Leistung der hart arbeitenden Menschen im Freistaat abzuwerten, sollte die Bundesregierung dafür sorgen, dass Beschäftigte vor Lohnraub und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen geschützt werden. Wer immer längere Arbeitszeiten fordert, darf sich dann nicht über höhere Krankenstände wundern.“
Über unsere parlamentarische Initiative zu Überstunden in Sachsen berichtet u.a. DIE ZEIT.
Artikel wurde am 4. Sep. 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://www.zadasalihovic.de/aktuelles/von-wegen-faul-so-viel-arbeiten-beschaftigte-in-sachsen/.
