Trumps Netzwerk auf dem Westbalkan
Milliarden, Macht und der Streit um Albaniens Küste
In Albanien wächst seit Wochen der Widerstand gegen ein Großprojekt. Und längst geht es dabei nicht mehr nur um ein neues Tourismusresort. Es geht um Macht. Um Einfluss. Und um eine Frage, die weit über Albanien hinausreicht:
Wer entscheidet eigentlich über die Zukunft eines Landes?
Im Mittelpunkt steht Jared Kushner. Schwiegersohn von Donald Trump, ehemaliger Berater im Weißen Haus und heute internationaler Investor.
Geplant sind milliardenschwere Luxusprojekte auf der Insel Sazan und in der ökologisch sensiblen Region Vjosa-Narta. Die albanische Regierung wirbt mit Investitionen, Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Entwicklung. Viele Menschen vor Ort sehen dagegen etwas anderes: den schrittweisen Ausverkauf öffentlicher Natur- und Küstenräume an politisch hervorragend vernetzte Investoren.
Genau deshalb gehen seit Wochen Tausende Menschen unter dem Motto „Albania is not for sale“ auf die Straße.
Und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick.
Worum geht es konkret?
Nach öffentlich bekannten Plänen sollen auf der Insel Sazan und in der Küstenregion rund um Vjosa-Narta Luxusresorts, Hotels, Villenanlagen und touristische Infrastruktur entstehen.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem klassischen Tourismusprojekt. Auf den zweiten Blick geht es um deutlich mehr.
Denn beide Orte gehören zu den sensibelsten Regionen Albaniens: ökologisch, historisch und gesellschaftlich.
Sazan
Sazan ist keine gewöhnliche Mittelmeerinsel.
Jahrzehntelang war sie militärisches Sperrgebiet. Noch heute prägen Bunker, Tunnelanlagen, ehemalige Kasernen und die Hinterlassenschaften des Kalten Krieges das Bild.
Ein Ort, der von den geopolitischen Konflikten des 20. Jahrhunderts geprägt wurde, soll nun zu einem exklusiven Luxusresort für internationale Eliten werden.
Allein diese Entwicklung wirft Fragen auf.
Wie geht ein Land mit seiner eigenen Geschichte um? Und wem gehören solche Orte eigentlich?
Vjosa-Narta
Noch sensibler ist die Lage in Vjosa-Narta.
Die Region gehört zu den ökologisch wertvollsten Feuchtgebieten des Mittelmeerraums. Sie ist Teil des Vjosa-Deltas, eines der letzten großen naturnahen Flusssysteme Europas.
Lagunen, Dünen, Salzwiesen und Küstenlandschaften bilden dort einen einzigartigen Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.
Umweltorganisationen weisen darauf hin, dass Vjosa-Narta Heimat und Rastplatz für mehr als 200 Vogelarten ist. Flamingos, Pelikane und zahlreiche Zugvögel nutzen das Gebiet ebenso wie Meeresschildkröten und die stark bedrohte Mittelmeer-Mönchsrobbe.
Was dort zerstört wird, lässt sich nicht einfach wiederherstellen. Es geht deshalb nicht nur um ein Stück albanischer Natur. Es geht um einen Teil des europäischen Naturerbes. Und genau deshalb endet diese Debatte auch nicht an der albanischen Küste.
„Albania is not for sale“
Unter diesem Motto sind in den vergangenen Wochen Tausende Menschen auf die Straße gegangen.
Was als Protest gegen ein konkretes Bauprojekt begann, hat sich längst zu einer breiteren gesellschaftlichen Bewegung entwickelt.
Es demonstrieren nicht nur Umweltaktivistinnen und Umweltaktivisten. Auch Studierende, Anwohnerinnen und Anwohner, Familien, junge Menschen und Teile der albanischen Diaspora beteiligen sich.
Viele von ihnen kritisieren, dass Entscheidungen über öffentliche Räume und wertvolle Naturgebiete getroffen werden, ohne dass die Bevölkerung ausreichend beteiligt wird.
Mich beschäftigt daran vor allem eines:
Es wird über wirtschaftliche Entwicklung, Investitionen und geopolitische Interessen gespochen.
Viel zu selten wird allerdings gefragt, was die Menschen denken, die dort leben und mit den Folgen dieser Entscheidungen leben müssen.
Dabei sollte genau das der Ausgangspunkt jeder politischen Debatte sein.
Die zentrale Frage der Proteste lautet deshalb: Wer entscheidet über die Zukunft Albaniens?
Die Menschen, die dort leben? Oder internationale Investoren mit Milliarden, politischen Netzwerken und erheblichem wirtschaftlichem Einfluss?
Ich finde, diese Frage ist berechtigt.
Die Kritik an der albanischen Regierung
Die Proteste richten sich längst nicht mehr nur gegen Jared Kushner oder sein Projekt. Immer stärker steht auch die Regierung von Premierminister Edi Rama in der Kritik.
Sie verteidigt das Projekt als Chance für Albanien. Hochwertige Tourismusinvestitionen sollen Arbeitsplätze schaffen, Infrastruktur verbessern und das Land wirtschaftlich stärken.
Und natürlich braucht Albanien wirtschaftliche Entwicklung. Es braucht gute Arbeitsplätze. Es braucht Perspektiven für junge Menschen.
Viele Regionen leiden seit Jahren unter Abwanderung, niedrigen Löhnen und fehlenden Investitionen.Aber genau deshalb muss die eigentliche politische Frage gestellt werden: Welche Art von Entwicklung entsteht hier eigentlich? Wenn öffentliche Küstenräume privatisiert werden. Wenn Schutzgebiete aufgeweicht werden. Wenn Gewinne vor allem bei internationalen Fonds und einer kleinen wirtschaftlichen Elite landen.
Dann ist Kritik nicht nur verständlich. Dann ist sie notwendig.
Viele Kritikerinnen und Kritiker werfen der Regierung vor, Investoreninteressen höher zu gewichten als Transparenz, Beteiligung und Umweltstandards.
Gerade weil Albanien EU-Beitrittskandidat ist, sind Rechtsstaatlichkeit, öffentliche Beteiligung und transparente Verfahren keine Nebensache.
Sie gehören zum Kern der europäischen Perspektive des Landes.
Warum Jared Kushner politisch so brisant ist
Jared Kushner ist weit mehr als nur Immobilieninvestor.
Als Schwiegersohn Donald Trumps gehörte er zu den einflussreichsten Beratern im Weißen Haus. Dort verantwortete er große Teile der Nahostpolitik der ersten Trump-Regierung und war maßgeblich an den sogenannten Abraham-Abkommen beteiligt. Diese führten zur Aufnahme beziehungsweise Normalisierung diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten.
Hinzu kommen seine langjährigen persönlichen Beziehungen zu führenden israelischen Politikerinnen und Politikern, insbesondere zu Benjamin Netanyahu. Beide Familien kennen sich seit Jahrzehnten.
Auch wirtschaftlich bestehen enge Verbindungen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Weißen Haus gründete Kushner den Investmentfonds Affinity Partners. Der Fonds erhielt zunächst Milliardeninvestitionen aus Saudi-Arabien und später weitere Mittel aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Kushner erklärte mehrfach öffentlich, wirtschaftliche Kooperationen zwischen Israel und den Golfstaaten ausbauen und einen Investitionskorridor zwischen beiden Regionen schaffen zu wollen. Affinity Partners investierte anschließend unter anderem in israelische Unternehmen und Finanzinstitute.
All das macht deutlich: Hier geht es nicht nur um einen Investor.
Es geht um jemanden, der politische Netzwerke, wirtschaftliche Interessen und internationale Einflussmöglichkeiten wie nur wenige andere miteinander verbindet. Und genau deshalb wird dieses Projekt in Albanien nicht einfach als Tourismusinvestition wahrgenommen.
Für viele Menschen steht es sinnbildlich für eine Entwicklung, bei der wirtschaftliche Macht und politische Beziehungen immer stärker miteinander verschmelzen.
Dass daraus in sozialen Medien teilweise die Behauptung entstanden ist, Albanien würde „Land an Israel verkaufen“, ist sachlich nicht richtig. Land wird nicht an einen Staat verkauft. Aber diese Erzählung zeigt, wie eng Kushners politische Biografie mit seinen wirtschaftlichen Aktivitäten verbunden wird und warum viele Menschen diesem Projekt mit großem Misstrauen begegnen.
Gerade deshalb lohnt es sich, sauber zu unterscheiden. Kritik sollte sich auf überprüfbare Fakten stützen. Denn davon gibt es bereits genug.
Die Frage nach dem Geld
Zur politischen Debatte gehört auch die Frage, woher das Kapital für solche Projekte stammt.
Affinity Partners wurde erst nach Kushners Zeit im Weißen Haus gegründet. Öffentlich bekannt ist, dass der Fonds erhebliche Finanzierungszusagen aus den Golfstaaten erhalten hat. Besonders häufig wird dabei Saudi-Arabien genannt.
Das wirft Fragen auf, die weit über Albanien hinausgehen. Wie transparent sind solche milliardenschweren Investitionen? Welche politischen oder wirtschaftlichen Interessen begleiten sie?
Und wie unabhängig können Entscheidungen kleiner oder wirtschaftlich verwundbarer Staaten bleiben, wenn internationale Investoren mit enormem Kapital auftreten?
Bislang gibt es keine öffentlich belegten Hinweise darauf, dass Jared Kushner persönlich in illegale Vorgänge verwickelt wäre. Gerade deshalb ist Präzision wichtig. Wer glaubwürdig kritisieren will, sollte sauber argumentieren.
Die eigentlichen Fragen sind andere.
Wie transparent laufen die Genehmigungsverfahren ab?
Wie werden Eigentumsverhältnisse geklärt?
Wer profitiert wirtschaftlich tatsächlich von diesen Projekten?
Und wer trägt am Ende die ökologischen und sozialen Folgen?
Diese Fragen gehören in die Öffentlichkeit. Nicht hinter verschlossene Türen. Denn genau dafür ist demokratische Kontrolle da.
Landrechte und die Menschen vor Ort
Besonders sensibel ist die Situation für die Menschen in den betroffenen Regionen.
Mehrere Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner rund um Zvërnec und Vjosa-Narta berichten, dass Land, das sie als ihr Eigentum betrachten, ohne ihre Zustimmung verkauft oder in die Projektplanung einbezogen worden sei.
Hintergrund sind komplizierte Eigentumsverhältnisse, die bis in die kommunistische Zeit Albaniens zurückreichen. Viele Restitutionsverfahren sind bis heute nicht vollständig geklärt.
Das macht die Situation zusätzlich konfliktbeladen. Für Außenstehende wirkt das oft wie eine juristische Detailfrage. Für die Menschen vor Ort ist es das nicht.
Es geht um ihre Heimat.
Um Fischerei.
Um Landwirtschaft.
Um den Zugang zur Küste.
Um Orte, an denen Familien seit Generationen leben.
Und genau deshalb geht es hier nicht nur um Eigentum auf dem Papier.
Es geht um Identität.
Um Erinnerung.
Und um die Frage, wer künftig überhaupt noch Zugang zu diesen Orten haben wird.
Wenn öffentliche Räume zu exklusiven Luxuszonen werden, verlieren nicht nur Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum.
Auch Menschen verlieren Orte, die Teil ihres Alltags, ihrer Geschichte und ihrer Zukunft sind.
Umwelt: Warum Vjosa-Narta so wichtig ist
Über Vjosa-Narta wird oft gesprochen, als ginge es einfach um ein weiteres Baugebiet. Das wird der Region nicht gerecht.
Vjosa-Narta gehört zu den bedeutendsten Feuchtgebieten Albaniens und des gesamten Mittelmeerraums. Hier treffen Flussdelta, Lagunen, Küstenwälder, Dünen, Salzwiesen und Strände aufeinander. Genau diese Vielfalt macht das Gebiet ökologisch so wertvoll.
Feuchtgebiete gehören weltweit zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen. Sie speichern Kohlenstoff, schützen Küsten vor Erosion, regulieren den Wasserhaushalt und bieten Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten.
Gerade in Zeiten der Klimakrise sind sie keine Randnotiz. Sie sind natürliche Schutzräume.
Wenn dort Straßen, Hotels, Villenanlagen oder Yachthäfen entstehen, verändert das nicht nur die Landschaft. Es verändert das gesamte Ökosystem.
Mehr Verkehr.
Mehr Lärm.
Mehr Licht.
Mehr Flächenversiegelung.
Mehr Belastung für Natur und Tiere.
Und genau deshalb geht es hier nicht um die Frage, ob Tourismus grundsätzlich gut oder schlecht ist. Sondern darum, welche Grenzen wir bereit sind zu ziehen.
Umweltorganisationen berichten bereits von schweren Maschinen, Bauzäunen und ersten Eingriffen in sensiblen Bereichen. Solche Hinweise müssen ernst genommen und unabhängig überprüft werden.
Bei Projekten dieser Größenordnung darf Umweltschutz nicht erst dann eine Rolle spielen, wenn die Bagger schon unterwegs sind.
Umweltverträglichkeitsprüfungen, transparente Verfahren und echte Bürgerbeteiligung müssen am Anfang stehen und nicht am Ende.
Militärische Altlasten: Ein sensibles Erbe
Die Debatte um Sazan endet allerdings nicht beim Naturschutz. Die Insel trägt bis heute die Spuren ihrer militärischen Vergangenheit.
Während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha war Sazan jahrzehntelang eines der am stärksten militarisierten Gebiete Albaniens. Tausende Soldaten waren dort stationiert. Kilometerlange Tunnelanlagen, Bunker, Kasernen und Munitionslager entstanden. Ein erheblicher Teil dieser Infrastruktur ist bis heute erhalten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges begann zwar die Räumung vieler militärischer Altlasten. Große Mengen an Munition wurden geborgen und vernichtet.
Trotzdem weisen die albanischen Behörden selbst darauf hin, dass die vollständige Sicherung der Insel eine langjährige Aufgabe war. Auch im Küstenbereich befinden sich weiterhin militärische Relikte und ehemalige Sperrzonen. Das ist nicht nur eine historische Frage. Es ist auch eine ökologische.
Alte Munitionsreste, Treibstoffe oder andere Rückstände können Böden und Meeresökosysteme über Jahrzehnte belasten.
Deshalb fordern Umweltorganisationen und Fachleute zu Recht unabhängige Untersuchungen, bevor eine großflächige touristische Erschließung erfolgt.
Denn wer Milliarden investieren möchte, sollte zuerst sicherstellen, dass von einem solchen Ort keine Gefahren mehr ausgehen.
Hinzu kommt etwas, das in der öffentlichen Debatte häufig vergessen wird. Sazan erzählt ein Stück Geschichte.
Die Insel steht für Isolation, für den Kalten Krieg und für die kommunistische Vergangenheit Albaniens.
Viele Historikerinnen und Historiker sehen in den erhaltenen Anlagen deshalb ein wichtiges Zeitzeugnis. Auch diese Perspektive gehört zur Debatte. Denn Entwicklung bedeutet nicht nur, Neues zu bauen. Sie bedeutet auch, verantwortungsvoll mit Geschichte umzugehen. Und genau deshalb geht es längst nicht mehr nur um den Bau eines Luxusresorts.
Es geht um die Frage, wie wir mit Natur, Geschichte und öffentlichem Raum umgehen. Und ob wirtschaftliche Interessen am Ende schwerer wiegen als all das zusammen.
Die europäische Dimension
Albanien ist EU-Beitrittskandidat. Deshalb ist diese Debatte längst keine rein nationale Angelegenheit mehr.
Mit dem Beitrittsprozess verpflichtet sich Albanien schrittweise dazu, europäische Standards in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit, Umwelt- und Naturschutz sowie demokratische Beteiligung umzusetzen. Genau deshalb schauen auch die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten auf Projekte wie dieses.
Denn wenn Schutzgebiete unter wirtschaftlichem Druck geöffnet werden, wenn Bürgerbeteiligung zu kurz kommt oder Umweltprüfungen erst erfolgen, nachdem politische Entscheidungen bereits getroffen wurden, dann geht es nicht mehr nur um ein einzelnes Bauprojekt. Dann geht es um die Glaubwürdigkeit des europäischen Beitrittsprozesses.
Mehrere europäische Institutionen und Umweltorganisationen haben deshalb deutlich gemacht, dass Albanien seine Umweltstandards und rechtsstaatlichen Verfahren konsequent einhalten muss. Ich finde, genau darin zeigt sich echte europäische Partnerschaft. Wer Albanien auf seinem Weg in die Europäische Union unterstützt, sollte nicht einfach allem zustimmen, was die Regierung entscheidet. Sondern diejenigen stärken, die sich vor Ort für Transparenz, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Beteiligung und den Schutz ihrer Umwelt einsetzen.
Der Westbalkan als geopolitischer Raum
Der Konflikt um Sazan und Vjosa-Narta steht nicht für sich allein.
Der gesamte Westbalkan ist seit Jahren ein geopolitischer Raum, in dem unterschiedliche Akteure um Einfluss ringen.
Die Europäische Union.
Die Vereinigten Staaten.
Russland.
China.
Die Türkei.
Die Golfstaaten.
Sie alle verfolgen dort politische, wirtschaftliche oder strategische Interessen. Investitionen werden dabei häufig ausschließlich als Entwicklungschance dargestellt. Aber Investitionen sind nie völlig neutral. Sie schaffen wirtschaftliche Abhängigkeiten. Sie eröffnen politischen Zugang. Und sie verändern Machtverhältnisse.
Gerade das Umfeld Donald Trumps zeigt, wie eng wirtschaftliche und politische Interessen miteinander verflochten sein können.
Was früher überwiegend über diplomatische Kanäle verhandelt wurde, erscheint heute zunehmend als Mischung aus privatem Kapital, politischen Netzwerken und strategischen Investitionen. Und genau deshalb sollten wir genauer hinschauen.
Der Westbalkan darf nicht wieder zu einer Region werden, in der andere über die Zukunft der Menschen entscheiden. Die Region ist kein geopolitisches Spielfeld. Sie ist kein Experimentierfeld für internationale Investoren. Und sie ist auch kein Ort, an dem wirtschaftliche Interessen automatisch Vorrang vor demokratischer Mitbestimmung haben sollten.
Sie ist Heimat von Millionen Menschen. Menschen, die das Recht haben, über die Zukunft ihrer Länder selbst mitzuentscheiden.
Entwicklung ja – Ausverkauf nein
Ich halte nichts davon, ausländische Investitionen grundsätzlich abzulehnen. Im Gegenteil. Albanien braucht Investitionen. Es braucht gute Arbeitsplätze. Es braucht Perspektiven für junge Menschen. Und selbstverständlich kann Tourismus ein wichtiger Teil dieser Entwicklung sein.
Aber Entwicklung ist nicht automatisch gut, nur weil viel Geld investiert wird. Die entscheidende Frage ist, wem sie dient. Wenn Natur zerstört wird. Wenn öffentlicher Raum privatisiert wird. Wenn lokale Gemeinden kaum mitentscheiden können. Und wenn Gewinne vor allem bei internationalen Investoren landen. Dann entsteht keine Entwicklung, von der alle profitieren.
Nachhaltiger Tourismus sieht anders aus.
Er schützt Natur.
Er stärkt lokale Gemeinden.
Er schafft faire Arbeitsplätze.
Er respektiert öffentliche Räume.
Und er bezieht die Menschen ein, die dort leben.
Ein Modell, das auf exklusiven Luxusresorts für eine kleine internationale Elite basiert, muss sich genau an diesen Maßstäben messen lassen.
Warum die Proteste wichtig sind
Die Menschen in Albanien protestieren nicht gegen Fortschritt. Sie protestieren gegen eine Form von Entwicklung, die über ihre Köpfe hinweg organisiert wird. Sie setzen sich für ihre Natur ein. Für öffentliche Räume. Für Transparenz. Und für das Recht, an Entscheidungen beteiligt zu werden, die ihr eigenes Leben betreffen.
Deshalb verdienen diese Proteste Aufmerksamkeit. Und Solidarität.
Nicht, weil jede einzelne Forderung automatisch immer richtig wäre. Sondern weil demokratische Beteiligung davon lebt, dass Menschen ihre Stimme erheben können.
Fazit
Der Konflikt um Sazan und Vjosa-Narta ist weit mehr als ein Streit über Hotels oder Tourismus. Er steht für eine grundsätzliche Frage: Wem gehört die Zukunft eines Landes?
Den Menschen, die dort leben? Oder denjenigen, die über Milliarden, politische Netzwerke und internationalen Einfluss verfügen?
Meine Solidarität gilt den Menschen in Albanien.
Den Bürgerinnen und Bürgern, die sich friedlich für Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Mitbestimmung einsetzen.
Den Umweltaktivistinnen und Umweltaktivisten, die einzigartige Naturräume schützen wollen.
Den Menschen vor Ort, deren Heimat, Eigentum und Lebensgrundlagen von diesen Entscheidungen betroffen sind.
Und genauso den Albanerinnen und Albanern in der Diaspora, die die Entwicklungen mit großer Sorge verfolgen und sich, oft weit entfernt, weiterhin für ihr Herkunftsland einsetzen.
Gerade wir auf dem Westbalkan wissen, was passiert, wenn Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg getroffen werden. Wenn wirtschaftliche Interessen wichtiger werden als Beteiligung. Wenn Macht und Kapital mehr Gewicht bekommen als diejenigen, die mit den Folgen leben müssen.
Deshalb geht es hier nicht nur um ein Luxusresort. Es geht um Demokratie. Um Rechtsstaatlichkeit. Um Naturschutz. Um Mitbestimmung. Und um die Frage, wem Entwicklung eigentlich dienen soll.
Ich wünsche mir ein Albanien mit guten Arbeitsplätzen, wirtschaftlichen Perspektiven und einer starken europäischen Zukunft. Aber Entwicklung darf niemals bedeuten, dass Natur zur Ware wird, öffentliche Räume verloren gehen oder Menschen ihr Mitspracherecht verlieren. Der Westbalkan braucht Investitionen. Aber vor allem braucht er Investitionen, die den Menschen dienen.
Artikel wurde am 26. Juni 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://www.zadasalihovic.de/aktuelles/trumps-netzwerk-auf-dem-westbalkan/.