Missstände in der Bundeswehr, die wir nicht ignorieren können
Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt, Rassismus, rechte Ideologien
„Es wird nur gefickt, was gefickt werden will. Und denken Sie daran: Nein heißt Ja, und Ja heißt anal.“ Dieser Satz ist dokumentiert. Er wurde von einem Vorgesetzten genutzt, um Soldaten des Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken ins Wochenende zu verabschieden.
Ich schreibe das nicht, um zu schockieren. Ich schreibe es, weil genau solche Sätze etwas über ein Klima erzählen. Über eine innere Kultur, in der Entmenschlichung, Sexismus und Machtmissbrauch offenbar so normalisiert sind, dass niemand mehr innehält.
Denn dieser Vorfall steht nicht für sich. Inzwischen sind über 200 straf- und disziplinarrechtlich relevante Vorwürfe gegen Angehörige der Einheit öffentlich geworden. Hitlergrüße als alltägliche Praxis, rassistische und antisemitische Beleidigungen, Feiern in NS-Kleidung, Drogenmissbrauch und sexualisierte Übergriffe, darunter das unaufgeforderte Entblößen gegenüber einer Kameradin. Recherchen der Frankfurter Allgemeine Zeitung haben diese Zustände ans Licht gebracht.
Was sich hier zeigt, ist kein Ausrutscher. Und es ist auch kein neues Problem. Die Kaserne in Zweibrücken war bereits früher Gegenstand schwerer Vorwürfe. Wer das jetzt als „Einzelfälle“ abtut, verkennt das eigentliche Problem: Strukturen, die wegsehen. Strukturen, die decken. Und Strukturen, in denen diejenigen, die Missstände benennen, nicht geschützt, sondern isoliert werden.
Das Bundesministerium für Verteidigung verweist auf erste Konsequenzen. Doch sie kamen spät. Zu spät für viele Betroffene. Und erst, nachdem internen Meldungen offenbar lange nicht nachgegangen wurde. Dass sich Soldatinnen und Soldaten schließlich an den Wehrbeauftragten des Bundestages wenden mussten, zeigt ein grundlegendes Versagen der dienstlichen Meldestrukturen.
Hier geht es nicht um den „Ruf der Truppe“. Hier geht es um Verantwortung. Und um die Frage, wessen Sicherheit eigentlich geschützt wird.
Wenn wir von einer Zeitenwende sprechen, dann darf sie nicht bei Ausrüstung und Etats enden. Sie muss auch die innere Kultur der Bundeswehr erreichen. Eine demokratische Armee braucht klare Grenzen, transparente Aufklärung und den Mut, Konsequenzen zu ziehen, auch dann, wenn es unbequem ist.
Wie real das Problem ist, zeigte sich kürzlich auch außerhalb der Kaserne: Drei bewaffnete Soldaten bewegten sich, angeblich als Nikoläuse verkleidet, über den Weihnachtsmarkt in Zweibrücken. Verunsicherte Bürger*innen riefen die Polizei.
Das hat viele erschreckt. Zu Recht. Denn Sicherheit ist nur dann Sicherheit, wenn sie alle schützt. Uniformen dürfen kein Schutzschild für rechte Ideologien sein.
Und eine Bundeswehr ohne klaren moralischen Kompass gefährdet Vertrauen, in den Staat und in seine Institutionen.
Darüber zu sprechen ist unbequem. Aber Schweigen war noch nie eine Lösung.
Artikel wurde am 17. Feb. 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://www.zadasalihovic.de/aktuelles/missstande-in-der-bundeswehr-die-wir-nicht-ignorieren-konnen/.